Liebe Gemeinde,

es ist eine sehr erstaunliche Tatsache, dass das Blut, bevor es aus dem Herzen in die Peripherie des Kreislaufes kraftvoll „hinausschießt“ und damit größte Bewegung vollzieht, einen Augenblick vollständig zur Ruhe kommt. Einen kurzen Moment hält es inne in der inneren Kammer. Die Ruhe im Inneren ist der Ausgangspunkt für die Aktivität in der Peripherie. Blickt man hingegen auf die peripheren Gebiete, so kann man dort ein fortwährendes Strömen, einen fortwährenden Verwandlungs- und Handlungsbereich erkennen. Alle Bereiche des Körpers werden im besten Fall belebt, erfahren Erneuerung durch die Wege des Blutes, und wo dies nur eingeschränkt stattfindet, bekommen wir kalte Füße. Im extremen Fall sterben sogar Bereiche ab, wenn diese nicht mehr die Durchlebung mit dem Blut haben können.

Alle feinsten, entlegensten Bereiche des Organismus brauchen fortwährend die Beziehung zum Mittelpunkt. Umgekehrt erfährt das Herz stetig etwas von dem, was im Umfeld geschieht, und der Herzschlag reagiert in seinem Rhythmus darauf, was sich „außen“ ereignet. Wenn wir schnell rennen, uns freuen, etwas Besonderes erleben, beschleunigt sich der Herzschlag, wenn wir in Ruhe sind, in uns selbst gekehrt oder schlafend, verlangsamt sich er sich.

Dies alles ist nichts Neues. Es geschieht die ganze Zeit wie „von allein“ in unserem Körper.

Jedoch keinesfalls „von allein“ geschieht dieser Vorgang in sozialen Organismen. Überall, wo Menschen sich zusammenfinden und eine Gemeinschaft bilden, bildet sich ein Organismus. Ob dieser sich im oben beschriebenen Verhältnis gesund erhalten oder gar erneuern und wachsen kann, hängt davon ab, wie die einzelnen Menschen in diesem Organismus sich selbst als ein Teil desselben empfinden, wie sie sich selbst dazu stellen, jeder auf seine ganz individuelle Art und Weise.

In Bezug auf unsere Gemeinschaft kann man bemerken, dass sie unsichtbar ist. Sie ist ein Organismus, der sich fortwährend immer wieder neu bildet. Es gehören Ungeborene, Verstorbene, entfernt Wohnende, äußerlich auf dem Gelände der Kirche nicht auftauchende Menschen dazu. Selbst das Herzorgan ist unsichtbar. Dass unsere Gemeinschaft für die Augen unsichtbar bleibt, bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht lebendig ist, auch nicht, dass sie nicht einer Behausung bedarf.

„Er wurde lebendig im Sein der Menschen, die ihm Wohnung gaben in ihrem Herzen“ – so heißt es in unserem Gottesdienst für die Kinder. Das ist zugleich einfach und großartig formuliert. Diese Behausung kann jeder einzelne für sich selbst in seinem stillen Kämmerchen immer wieder neu bilden. Sie bildet sich ebenso, indem Sie als Einzelne, jeder in seinem Alltag, Beziehung bilden und pflegen. Liebevolle Zuwendung anderen Menschen und sich selbst gegenüber zu pflegen, bildet ebendiese verwandelnde Substanz, die in der Welt überall so dringend gebraucht wird: Bedingungslose liebevolle Hinwendung, Anteilnahme, Beziehungssubstanz, die nicht daran gebunden ist, ob wir uns nun besonders sympathisch oder auch unsympathisch sind, ob wir einer Familie angehören, einem Volk. Sie verbindet sich mit unserem Weg zum „Menschsein“. Das Herzorgan ist der Christus, der unsichtbar dort seinen Heimatort gründet, wo Menschen ihm in ihrem eigenen Herzen Wohnung geben – unsichtbar. Er wird sich nicht aufdrängen, sich nicht „beweisen“, damit alle Zweifel ein für alle Mal beiseitegeschafft werden. Die Zweifel, die Verleugnungen und Schwächen eines jeden Menschen gehören dazu. Sie haben ihren wichtigen Stellenwert in der Entwicklung zur Freiheit.

Diese Fragen betreffen nicht nur den sozialen Organismus der Gemeinschaft der Christen. Längst bemerken wir, dass die Schwierigkeiten zwischen Menschen und die Schwierigkeiten, die die Erde als Gesamtorganismus hat, uns weltweit alle betreffen. Die Gegenkräfte sind überall am Werk, global wie in jedem Menschen. Es ist nicht länger „privates Seelenheil“, wenn Menschen im kleinen, ganz alltäglichen Leben diese Liebes-Beziehungssubstanz hervorzubringen versuchen. Es sind DIE entscheidenden Kräfte, die als Gegengewicht, als freie Kraft, den Mächten der Geistigen Welt zur Verfügung stehen, damit sie überhaupt wirksam sein können.

So dient auch unser Kultus nicht vornehmlich dem privaten Seelenheil der einzelnen Menschen, die daran teilnehmen, sondern die Anwesenden verdichten ihre Anteilnahme, ihr Mit-Beten zu einem Innenraum, in den das Wesen des Christus einziehen kann. Bis in die leiblich verdichtete Form der gewandelten Substanzen von Brot und Wein, um dann als Friedenskraft den heilenden Kräften zur Verfügung zu stehen, als solche vom „Herzen“ in die Peripherie getragen zu werden.

Kein Einzelner wird die Kriege und Missstände lösen können, aber die Vielfalt, in der die Einzelnen sich einsetzen, kann sich ergänzen zu einem lebendigen Organismus und die realen Verhältnisse verwandeln.

Herzlich grüßt Sie, auch im Namen meiner Kollegen,

Ihre Felicia Holland