Liebe Gemeinde,

seit ein verstärktes Bewusstsein entstanden ist für die Zerbrechlichkeit unseres Planeten, spätestens seit der Fridays-For-Future-Bewegung, wird viel über den „ökologischen Fußabdruck“ gesprochen, den jeder von uns im Laufe eines Lebens auf der Erde hinterlässt. Wie viele Rohstoffe verbrauche ich, wie viel Gift wird der Umwelt durch mein Verhalten zugefügt, wie viel Wald wird durch mich abgeholzt, wie viele Tiere sterben aus, weil ich ihren Lebensraum vernichte.

Dass die wenigsten von uns persönlich in den Regenwald reisen und dort Bäume fällen, dass vermutlich kaum jemand, der diesen Gemeindebrief liest, in seinem eigenen Garten Pestizide versprüht, spielt dabei keine Rolle. Denn das Hochglanz-Magazin, das wir beim Frisör lesen, ist aus Tropenholz hergestellt; die Bio-Bananen, die wir im Laden kaufen, wurden mit einem Containerschiff transportiert, aus dessen Schornstein extrem viel Ruß ausgestoßen wurde; ja, sogar wenn man mit dem Fahrrad zur Menschenweihehandlung fährt, um keine Abgase in die Luft zu blasen, sind die Reifen aus Gummi, dessen Herstellung mit vielen giftigen Zusatzstoffen verbunden ist. Die Liste ließe sich leicht fortsetzen.

Sollten wir besser alle zu Hause bleiben, keine Bio-Bananen kaufen, nicht mehr Fahrrad fahren? Sollten wir am besten nicht atmen, weil wir dabei CO2 ausstoßen? Das wäre natürlich absurd. Aber wie gering er auch sein mag, unser ökologischer Fußabdruck ist immer negativ. Solange ich mein Leben durch diese Brille betrachte, ist alles, was ich tue, tendenziell eine Belastung für die Erde.

Die Frage ist, ob es noch andere Fußabdrücke gibt, die wir hinterlassen, die nicht nur nicht belastend sind, sondern die der Erde etwas Positives einprägen. Vielleicht gibt es so etwas wie einen „moralischen“ Fußabdruck (ein besseres Wort fällt mir nicht ein), also etwas, das jeder von uns der Erde einprägt und wodurch die Welt qualitativ beeinflusst wird. Es geht mir nicht um den simplen Kurzschluss, den man bei uns Pfarrern schnell wittert: „Kommt einfach alle in die Kirche, dann tut ihr etwas Gutes.“

Mit dem moralischen Fußabdruck meine ich etwas sehr viel Differenzierteres, denn auch dieser kann sowohl positive als auch negative Aspekte haben: Ich kann für den Frieden demonstrieren – und ich kann bei derselben Demonstration für dasselbe Ideal meine Wut an den Polizisten auslassen und damit mein eigentliches positives Anliegen in sein Gegenteil verkehren.

Ich kann öffentlich Bewusstsein schaffen und mich empören über das, was in der Welt falsch läuft – und selbst nichts Besseres tun, sodass mein moralischer Fußabdruck in dieser Sache die wütende Empörung über andere Menschen bleibt.

Vor vielen Jahren sah ich in Tübingen in riesigen Lettern an die Universität gesprüht: „Der Castor rollt – und ihr studiert!“ Darunter hatte jemand anders Größe gesprüht: „Der Bosnier stirbt – und du sprühst!“ Man kann die Wut des ersten Sprühers verstehen, aber der Kommentar des zweiten zeigt, dass man noch nicht zu den „aktiven Guten“ gehört, nur weil man sich über die „untätigen Bösen“ echauffiert.

Aber wie soll ich als unbekannter Normalbürger die Entwicklung der Welt positiv verändern, wenn ich einen positiven „moralischen Fußabdruck“ hinterlassen möchte? Der äußert sich vielleicht auch nicht unbedingt in einer großen Tat, die die Welt für alle sichtbar verbessert. Aber man könnte im eigenen Alltag damit beginnen, die Dinge, die gerade zu tun sind, liebevoll und mit innerer Beteiligung zu tun. Entscheidend ist nicht, ob andere das sehen und sich dafür bedanken. Entscheidend ist, ob die Dinge, die man tut, mit Menschlichkeit erfüllt werden.

Ich hätte ein paar ganz kleine Vorschläge anzubieten, die sich in jeder Lebenslage umsetzen lassen: Es ist möglich, den Menschen, denen man im Alltag begegnet – seien es Kollegen, Vorgesetzte, Kinder, Amtsträger oder Kassierer – nicht in ihrer Rolle zu begegnen, sondern als Mensch, als ein individuelles Wesen mit einem geistigen Kern, mit einem Schicksal, mit einer Aufgabe hier auf der Erde.

Wenn ich mich bei einem Menschen bedanke, der für Geld etwas für mich tut, dann heilige ich diese Begegnung. Wenn ich ein Kind zu erziehen versuche und bei allen Auseinandersetzungen, die dazu gehören, dieses Kind als ein werdendes Wesen ansehe, dann heilige ich diese Begegnung. Wenn ich an der Menschenweihehandlung teilnehme und meine Aufmerksamkeit nicht mit der Entrüstung über die Merkwürdigkeiten mancher Anwesender ausfülle, sondern versuche, mit all diesen Menschen, die mir zum Teil fremd sind, gemeinsam zu beten, dann heilige ich diese Stunde.

Es scheint mir wichtig, dass wir nicht Spuren vermeiden, sondern positive Spuren auf dieser Erde hinterlassen. Jeder Schritt, den ich gerade gehe, prägt der Erde, der Umwelt, der Menschheit eine moralische Qualität ein, und in jedem Augenblick kann ich Möglichkeiten finden, diese Spur, die ich hinterlasse, positiv zu gestalten.

Herzlich grüßt Ihr,

Claudio Holland